Ein Junge mit braunen Haaren und rosa T-Shirt lächelt in die Kamera. Im Hintergrund arbeiten weitere Kinder unterschiedlicher Herkunft gemeinsam an einem Tisch in einem hellen, modern eingerichteten Klassenzimmer. Das Bild illustriert positives, gemeinsames Lernen im Schulalltag. BARMER-Durchblickt-interview-lehrer-julian-schmitz-header.jpg

Medienbegleitung

Cybermobbing, Chatbots, Schulstress: Prof. Dr. Julian Schmitz im Interview

01. Sept. 2026
7 Minuten

Vergleichsdruck, Falschinformationen, Hilfesuche beim Chatbot: Welche digitalen Phänomene belasten Schülerinnen und Schüler wirklich? Und welche Faktoren im Schulalltag fördern ihre psychische Gesundheit?

 

Prof. Dr. Julian Schmitz über Cybermobbing, Vergleichsdruck, Chatbots, schulisches Wohlbefinden und eine Medienbildung, die Schülerinnen und Schüler wirklich erreicht

Prof. Dr. Julian Schmitz leitet die Psychotherapeutische Hochschulambulanz für Kinder und Jugendliche an der Universität Leipzig und erforscht unter anderem, wie Unterrichtsmerkmale das schulische Wohlbefinden beeinflussen.

Im Interview betont er die Notwendigkeit digitaler Gesundheitskompetenz und wirft einen differenzierten Blick auf schulische Medienbildung. Seine zentrale Botschaft: Nur wer auch die positiven Seiten digitaler Räume anerkennt, holt Schülerinnen und Schüler wirklich ab.
 

Welche digitalen Phänomene belasten Schülerinnen und Schüler am meisten? Und wie hängt das mit psychischer Gesundheit zusammen?

Zuerst möchte ich betonen: Digitalität gehört zur Lebenswelt von Schülerinnen und Schülern und ist nicht per se belastend. Trotzdem gibt es im digitalen Raum verschiedene Dinge, die sie belasten können.

Cybermobbing auf jeden Fall, das ist einer der am stärksten belastendsten Faktoren. Das bedeutet, dass ich zum Beispiel aus sozialen Gruppen im digitalen Raum ausgeschlossen werde. Aber es bedeutet auch, dass ich Hassnachrichten bekomme, dass Fake-Bilder oder echte Fotos von mir rumgeschickt werden, dass ich also digitale Gewalt erfahre.

Da wissen wir, dass das zum klassischen analogen Mobbing – also jemand beleidigt mich auf dem Schulhof oder ich darf nicht mitspielen – noch mal besonders belastende Qualitäten hat, weil es im digitalen Raum mit einem unendlichen Publikum passiert. Im Prinzip kann die ganze Schule oder vielleicht auch Nachbarschulen oder über Social Media die ganze Welt teilnehmen. Und es hört nie auf, es dringt auch in die Freizeit von Kindern und Jugendlichen ein. Das bedeutet, ich habe es auch zu Hause, ich habe es nachts, ich kann mich davor eigentlich nicht schützen. Damit ist gerade Cybermobbing wirklich das, was bei Kindern und Jugendlichen, wenn es auftritt, ganz erhebliche Auswirkungen auf die psychische Gesundheit haben kann. 

Eine wichtige Rolle im Kontext sozialer Medien spielen zum Beispiel sich vergleichen und sich darstellen: Wie viele Likes bekomme ich? Wie gut komme ich rüber im Vergleich mit anderen? Ein zentraler Mechanismus von sozialen Medien ist ja der Like, also die soziale Rückmeldung: Wie finden mich andere? Wie schnell bekomme ich eine Rückmeldung? Und was ist, wenn die Rückmeldung ausbleibt?

Aber es gibt auch Phänomene, die mit psychischen Erkrankungen zusammenhängen, wie zum Beispiel körperliche Schönheitsideale. Das geht auch in Richtung Vergleichsdruck. Es gibt sehr viele Influencerinnen und Influencer und sehr viele Kanäle, die suggerieren, dass Dünn-Sein die Norm ist. Oder die durch Krankheiten Zugehörigkeit stiften, wodurch bestimmte Krankheitsbilder wie Essstörungen stabilisiert werden.

Sie erforschen, wie Unterrichtsmerkmale das schulische Wohlbefinden beeinflussen. Welche Faktoren im Schulalltag fördern die psychische Resilienz und Gesundheit von Schülerinnen und Schülern?

Das sind sehr viele. Zum einen ist hilfreich, wenn Schülerinnen und Schüler das Gefühl haben, den Leistungsanforderungen gerecht werden zu können und sich auch der Lernprozess für sie sinnvoll anfühlt.

Man sieht an vielen Daten, zum Beispiel denen des Deutschen Schulbarometers1, dass vor allen Dingen die Beziehungen zu Lehrkräften und auch zu Mitschülerinnen und Mitschülern der Faktor sind, der bei den meisten Kindern und Jugendlichen wirklich entscheidet, ob sie gerne in die Schule gehen oder nicht – also die sozialen Beziehungen im Schulumfeld.

Darüber hinaus ist auch das Thema Partizipation und Mitbestimmung entscheidend. Also inwieweit kann ich den Unterrichtsprozess, das gemeinsame Lernen, das Miteinander mitbestimmen? Wie werde ich gehört? Wie werde ich ernst genommen? Habe ich auch das Gefühl, ich kann Dinge verändern, die mich belasten? Kann ich Dinge so gestalten, dass sie vielleicht zu mir individuell passen?

Warum ist digitale Gesundheitskompetenz heute eine Schlüsselkompetenz für Schülerinnen und Schüler? Und wie helfen Programme wie BARMER Durchblickt, diese systematisch zu vermitteln?

Digitale Gesundheitskompetenz spielt eine wichtige Rolle für Kinder und Jugendliche, die sich immer mehr im digitalen Raum bewegen. Ein Beispiel: Psychisch belastete Kinder und Jugendliche benutzen vermehrt Chatbots, um persönliche Dinge zu erfragen oder sich zu informieren.

Das ist relevant für Dinge, die nach wie vor stigmatisiert sind, beispielsweise psychische Auffälligkeiten. Hier fällt es schwer, sich zu öffnen. Hier muss man auch damit rechnen, dass man nicht immer auf Verständnis trifft. Das heißt, der digitale Raum ist hier ein wichtiger erster Anlaufpunkt, gerade bei Schülerinnen und Schülern, die vielleicht erstmal unsicher sind. Umso wichtiger ist also, dass Kinder und Jugendliche lernen, Informationen aus diesem digitalen Raum kritisch zu hinterfragen und nicht einfach als gegeben hinnehmen. 

„Psychisch belastete Kinder und Jugendliche benutzen vermehrt Chatbots, um persönliche Dinge zu erfragen oder sich zu informieren.“

Sie betonen in Ihren Publikationen einen differenzierten Blick auf digitale Medien, weder Verteufelung noch unkritische Nutzung. Was bedeutet das für die schulische Medienbildung?

Schulische Medienbildung wird Kinder und Jugendliche dann erreichen, wenn sie genau das aufgreift, was Kinder und Jugendliche in einem digitalen Raum erleben: Dass digitale Medien für viele sehr wichtig sind und dass sie dort positive Erfahrungen machen. Wir holen sie nur dann ab, wenn wir Medienbildung anbieten, die das Positive auch bejaht.

Natürlich müssen wir in Medienbildung aber auch auf Risiken hinweisen. Und das sollte ein ganz klarer Schwerpunkt sein, weil Kinder und Jugendliche im digitalen Raum einfach geschützt werden müssen. Zum Beispiel davor, dass sie Informationen wie Fotos, Bilder, Kontaktdaten herausgeben, weil das für sie wirklich eine reale Gefahr bedeutet.

Aber wir müssen in der Medienbildung eben auch anerkennen, dass es ein Lebens- und Sozialisationsraum von Kindern und Jugendlichen ist. Ich empfinde es so, dass in vielen Medien-Kampagnen, die man im Moment sieht, eher Alarmismus vorherrscht. Der ist natürlich wichtig, um die Kinder zu schützen. Aber ich glaube, um alle vollständig abzuholen und auch die zu erreichen, die vielleicht erst mal aus einem Trotz heraus sagen „Nee, das mag ich mir jetzt gar nicht von jemand Erwachsenem sagen lassen, was da irgendwie alles schwierig ist, denn für mich ist es einfach so ein wichtiger Raum", ist es wichtig, auch die positiven Dinge zu benennen und diesen Raum anzuerkennen.

„Wir holen Kinder und Jugendliche nur dann ab, wenn wir Medienbildung anbieten, die das Positive auch bejaht.“

Was möchten Sie Lehrkräften mitgeben, die sich überfordert fühlen? Wo sehen Sie Hoffnung?

Die Überforderung von Lehrkräften kann sehr vielfältig sein. Wir haben in vielen Schulen sehr schwierige Situationen: Lehrkräftemangel, Personalfluktuationen, Altlasten der Corona-Pandemie.

Ich sehe schon, dass es ein zunehmendes Aufbrechen von historischen und verkrusteten Unterrichts- und Sichtmustern gibt, auch mehr Freiheiten, die sich auf Schulgesetz-Ebene zeigen. In Sachsen gibt es beispielsweise Bestrebungen, selbstorganisiertes Lernen zu stärken. In Nordrhein-Westfalen sollen alternative Prüfungsformate eingeführt werden. Im Prinzip gibt es eine Modernisierung und auch ein Anerkennen, dass wir andere Formate wie BARMER Durchblickt brauchen, die zeigen, dass sich etwas verändert. Und es gibt viele Schulen, die neue Wege gehen und Dinge verändern möchten. Das kann, glaube ich, insgesamt Hoffnung machen.

„Es gibt viele Schulen, die neue Wege gehen und Dinge verändern möchten. Das kann Hoffnung machen.“

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