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Medienbegleitung

Interview mit Prof. Dr. Julian Schmitz: Digitale Erziehung zwischen Schutz und Freiheit

25. Aug. 2026
7 Minuten

Viele Eltern fühlen sich verunsichert: Wie viel Mediennutzung ist gesund für mein Kind? Wann wird Social Media problematisch? Und wie schütze ich mein Kind vor digitalen Gefahren? Fragen, auf die Prof. Dr. Julian Schmitz eine Antwort hat.

 

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Prof. Dr. Julian Schmitz leitet die Psychotherapeutische Hochschulambulanz für Kinder und Jugendliche an der Universität Leipzig und kennt die Sorgen von Familien aus seiner täglichen Praxis.  

Im Interview erklärt er, welche Faktoren Kinder und Jugendliche aktuell wirklich belasten, warum digitale Gesundheitskompetenz für Familien so wichtig ist und wie Eltern ihre Kinder kompetent begleiten können. Seine wichtigste Botschaft: Es braucht sowohl Begrenzung als auch Befähigung – nicht entweder oder. 

Sie leiten eine Psychotherapeutische Hochschulambulanz für Kinder und Jugendliche. Was erleben Sie täglich in Ihren Sprechstunden? Welche Sorgen bringen Eltern mit, wenn sie mit ihren Kindern zu Ihnen kommen? Und: Was sind Faktoren, die Kinder und Jugendliche aktuell psychisch belasten? 

Ganz konkret sind es psychische Probleme, die auf den Kindern und Jugendlichen lasten, sei es Depressionen, Rückzug, aber auch solche Themen wie ADHS. Auch der Umgang mit Wut kann eine Rolle spielen. Das, was diese Schwierigkeiten begleitet, sind in vielen Fällen entweder familiäre oder soziale Themen. Es gibt Konflikte zu Hause: um Regeln, Streitereien mit den Eltern, aber auch mit Geschwistern.

Der zweite größte Themenblock betrifft die Schule: Leistungsschwierigkeiten, Schulängste, hohes Belastungserleben, Schlafstörungen. Es zeigt sich auch in Studien1, dass diese beiden Cluster, also soziale Themen im unmittelbaren Nahbereich (Konflikte mit anderen, Schwierigkeiten mit sich selbst, Selbstwertproblematiken) und dann das Thema Leistung (Leistungsdruck, Leistungsängste, Konflikte in der Schule) die beiden Hauptcluster sind. 

Viele Eltern fühlen sich überfordert: Schule, Medien, psychische Gesundheit. Wo anfangen? Was ist Ihr wichtigster Rat für mehr Gelassenheit im digitalen Familienalltag?

Zum einen ist Digitalität ein Thema, das Familien sehr unterschiedlich trifft. Weil Digitalität in Familien unterschiedlich stark gelebt wird und auch Kinder unterschiedlich stark digital affin sind.  

Zum anderen glaube ich, dass es in der Elternschaft eine große Verunsicherung gibt. Man hört viele Schlagzeilen, auch hinsichtlich der Folgen von Social Media oder über die grundsätzliche Belastung der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Es ist aus meiner Sicht wichtig, dass Eltern sich davon nicht verrückt machen lassen. Dass sie versuchen, bestmöglich zu handeln, und dass sie auch im Austausch mit anderen Eltern sind. Also nicht zu denken: Nur ich habe ein Problem. Sondern zu sehen, das ist etwas, das viele betrifft.

Zu sagen „Ich bin nicht allein“, sich mit anderen Eltern auszutauschen, Informationen zu suchen, vielleicht auch mal Elternberatung in Anspruch zu nehmen: Das ist etwas, das hilfreich sein kann. 

„Es gibt viele Jugendliche, die sehr verantwortungsvoll mit dem digitalen Raum umgehen.“

Welche Rolle spielen digitale Medien und Social Media bei der psychischen Belastung von Kindern und Jugendlichen? Wo sehen Sie die größten Risiken? Und wo auch Chancen?

Man muss das ein bisschen zweiteilen. Auf der einen Seite sehen wir, dass es Kinder und Jugendliche gibt, die einen sehr starken und auch einen suchtartigen Gebrauch haben. Je nach Studie2, sind das so um die sechs bis sieben Prozent aller Kinder und Jugendlichen, bei denen es zu viel Mediengebrauch gibt. Und wo das auch dazu führt, dass der Alltag vernachlässigt wird.

Aber es sind eben nicht alle Kinder und Jugendlichen. Das ist wichtig! Es gibt viele Jugendliche, die sehr verantwortungsvoll mit dem digitalen Raum umgehen. Man sieht auch in großen Studien – es kam jetzt gerade nochmal eine Metaanalyse3 –, dass Social Media oder insgesamt digitale Zeit nur einen sehr, sehr kleinen Einfluss auf die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in der Gesamtbevölkerung hat.  

Außerdem ist es so, dass Digitalität ein Lebensraum, ein Sozialisationsraum für Kinder und Jugendliche ist, der dazugehört. Das zeigt sich auch in Studien4: Kindern und Jugendlichen mit einem altersangemessenen, begleiteten und begrenzten Umfang an Digitalität geht es am besten, weil sie sich vernetzen können und dort Themen mit anderen teilen können, die sie verbinden.

Gleichzeitig gibt es natürlich auch im digitalen Raum – unabhängig von der Nutzungsdauer – Konstellationen, in denen Kinder und Jugendliche gefährdet sind. In denen sie zum Beispiel Hassnachrichten bekommen, in denen sie digitale Gewaltinhalte bekommen, Zugang zu Pornografie haben, in denen sie Cybergrooming ausgesetzt sind. Das sind Gefahren, vor denen Eltern ihre Kinder schützen und für die man aufmerksam machen muss. 

In Ihrem ZEIT-Artikel von 20255 fordern Sie ein „Smartphone-Verbot für Erwachsene". Was meinen Sie damit und welche Vorbildrolle sollten Eltern beim Medienkonsum einnehmen? 

Wenn man sich mal umguckt, im Bus, auf dem Spielplatz: Was machen die Erwachsenen? Sie schauen alle auf ihr Handy. Sie leben den suchtartigen, den entgrenzten Gebrauch, den sie bei Kindern und Jugendlichen immer kritisieren, eigentlich vor.

Deswegen finde ich, brauchen wir eine Gesamtperspektive darauf. Auch wenn man darüber spricht, was es für Gefahren im digitalen Raum gibt. Denn das betrifft natürlich auch Erwachsene, dieses Endlos-Scrolling oder Hassnachrichten. Sie sind natürlich nicht so vulnerabel wie Kinder und Jugendliche. Aber es ist wichtig, dass wir da als gesamte Gesellschaft dran arbeiten und uns nicht immer so auf Kinder und Jugendliche fokussieren. 

Wie erkennen Eltern, wann Mediennutzung problematisch wird? Gibt es Warnsignale für eine beginnende Medienabhängigkeit?

Die Kernmerkmale sind: Wenn Kinder und Jugendliche  

  •    die Schule vernachlässigen
  •    Freundschaften vernachlässigen
  •    Hobbys nicht mehr nachgehen  
  •    immer weiter konsumieren
  •    kaum noch die Zeit begrenzen können  
  •    es ihnen ohne digitale Medien nicht gut geht

Das sind Kriterien, die wir auch bei anderen Süchten anwenden und die für digitale Medien auf jeden Fall auch gelten. 

„Kindern und Jugendlichen mit einem altersangemessenen, begleiteten und begrenzten Umfang an Digitalität geht es am besten. “

Ihre Forschung deutet darauf hin, dass Digitalkompetenz (und digitale Gesundheitskompetenz) wirksamer sind als Restriktionen. Wie können Eltern ihre Kinder konkret befähigen, statt nur zu kontrollieren oder zu verbieten?

Ich würde eher sagen, es braucht beides, also auch Restriktionen. Restriktionen bedeutet ja nicht nur Ja oder Nein, sondern auch: Was und wie lange und wie viel? Trotzdem geht es darum, dass wir Kinder und Jugendliche befähigen, begleiten und zu autonomen jungen Erwachsenen erziehen, die Digitalkompetenz haben.

Das heißt auch, das gemeinsam miteinander zu gestalten. Auch zu erklären, warum ich bestimmte Restriktionen ausspreche wie „Nein, diese App noch nicht". Oder dass man ein Klima schafft, in dem Kinder und Jugendliche offen über Dinge sprechen können, die im digitalen Raum passieren. Dass sie dann nicht bestraft werden oder dass ihnen das Handy entzogen wird. Sondern dass man sie dazu ermutigt, komische Dinge, die ihnen im digitalen Raum begegnen, anzusprechen. Und dass man sie darin unterstützt, digitale Kommunikation zu gestalten. Denn das ist auch eine große Herausforderung: Digitale Kommunikation birgt sehr viele Risiken für Missverständnisse, weil so viele Dinge wie Gesichtsausdruck oder der Klang der Stimme fehlen.  

Was verstehen Sie unter digitaler Gesundheitskompetenz und warum ist das für Familien so wichtig?

Digitale Gesundheitskompetenz bedeutet, dass ich im digitalen Raum Informationen finden und bewerten kann. Und diese Informationen dann für mich anwenden kann.  

Es gibt neue Studien6, die zeigen, dass viele Gesundheitsinformationen, die man in sozialen Medien findet – gerade zum Thema psychische Gesundheit – falsch sind. Das bewerten zu können und dann zu wissen, wo ich eigentlich die verlässliche Information finde, ist wichtig.

Familien kümmern sich ja nicht nur um die Gesundheit der Erwachsenen, der Eltern, sondern haben natürlich sehr viele Fragen rund um die psychische Gesundheit und die Entwicklung ihrer Kinder. Deswegen ist es wichtig, dass man Familien die richtigen Informationen zukommen lässt und ihnen die Fähigkeiten mitgibt, das zu bewerten. 


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