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Medienbegleitung

Wenn KI-Chatbots zur Vertrauensperson werden

04. Aug. 2026
4 Minuten

Warum junge Menschen KI-Chatbots ihre Sorgen anvertrauen, welche Chancen und Risiken darin stecken – und wie Familien gut damit umgehen können.

 

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Jonas (Name geändert) ist 14 Jahre alt. Nach einem Streit mit seinen Eltern zieht er sich in sein Zimmer zurück. Er öffnet ChatGPT, erzählt über die Sprachfunktion, was passiert ist, und fragt, was er jetzt tun soll. Die Antwort gibt ihm das Gefühl, verstanden zu werden.

Jonas’ Erfahrung steht für eine neue Form des digitalen Umgangs mit Sorgen und Belastungen: Zunehmend nutzen junge Menschen KI-Chatbots nicht nur für Schule, Freizeit oder Informationen, sondern auch dann, wenn sie sich überfordert, traurig oder allein fühlen.1

In einer Studie des JFF – Institut für Medienpädagogik haben wir junge Menschen im Alter von 14 bis 28 Jahren interviewt, die bereits eigene Erfahrungen mit der Nutzung generativer KI bei psychosozialen Belastungen gemacht haben.2 Wir wollten verstehen: Warum wenden sich junge Menschen an Chatbots? Was suchen sie in diesen Gesprächen? Und wo liegen Chancen und Grenzen?

Die Ergebnisse zeigen: KI-Chatbots können in bestimmten Situationen entlasten. Sie sind jederzeit verfügbar, hören zu und bieten einen Raum, in dem junge Menschen Gedanken und Gefühle sortieren und bearbeiten können. Gleichzeitig ersetzen sie keine menschliche Beziehung und keine professionelle Unterstützung. Entscheidend ist deshalb, wie Familien mit der Nutzung umgehen.

Dieser Artikel zeigt, worauf Eltern achten können:  

  •    im Gespräch bleiben statt vorschnell zu verbieten,  
  •    Interesse an der Nutzung zeigen,  
  •    Warnsignale erkennen  
  •    und wissen, wo zusätzliche Hilfe verfügbar ist.  

Wie kommt es dazu, dass mein Kind mit einem Chatbot über Belastendes spricht?

Alle jungen Menschen in unserer Studie haben KI-Chatbots zuerst für ganz alltägliche Dinge genutzt: für Hausaufgaben und Referate, fürs Studium oder einfach aus Neugier. Niemand hat sich zuerst mit einem belastenden Thema an einen Chatbot gewandt. Die Bearbeitung belastender Themen entwickelt sich aus dieser etablierten Nutzung in fließenden, situativen oder impulsiven Übergängen: Eine Interviewte lässt sich beispielsweise nach ihrer Trennung zunächst dabei helfen, eine WhatsApp an ihren Ex-Freund zu formulieren. Im selben Chat fragt sie den Chatbot dann: „Wieso hat er nicht für mich gekämpft?“ und beginnt damit im Austausch mit dem Chatbot ihre Enttäuschung zu bearbeiten. Andere merken beim Entdecken der Sprachfunktion, dass sie mit ChatGPT richtig reden können. Die ersten Erfahrungen beschreiben viele als überraschend einfühlsam: Der Chatbot wirkt zugewandt und nachfragend. Und genau das motiviert dazu, sich weiter mit ihm auszutauschen.

Und worum geht es konkret? Um ganz unterschiedliche Themen.  

  •    Es geht um mentale Gesundheit, etwa um  
    •    depressive Phasen,  
    •    Einsamkeit,  
    •    Schlafprobleme  
    •    oder die Vorbereitung auf eine Therapie.  
  •    Es geht um Beziehungsthemen wie  
    •    Dating,  
    •    Liebeskummer,  
    •    Zurückweisung  
    •    oder Streit mit Freundinnen, Freunden oder den Eltern.  
  •    Es geht um den eigenen Körper,  
    •    das Aussehen  
    •    und den Wunsch abzunehmen.  
  •    Und es geht um Substanzkonsum und Süchte,  
    •    von der Reflexion des eigenen Konsums  
    •    bis zum Wunsch, mit dem Rauchen oder Trinken aufzuhören. 

Warum vertraut mein Kind einem Chatbot seine Sorgen an?

Viele junge Menschen beschreiben, dass es ihnen bereits hilft, belastende Gedanken in Worte zu fassen. Sie sprechen davon, beim Chatten mit einem KI-Chatbot „Dampf abzulassen“ oder das eigene „Gedankenwirrwarr“ zu ordnen. Auch die ständige Verfügbarkeit spielt eine wichtige Rolle. Der Chatbot ist jederzeit erreichbar, auch nachts, oder wenn niemand aus dem nahen Umfeld ansprechbar ist. Im Unterschied zu Beratungsstellen oder einer Psychotherapie müssen junge Menschen weder auf einen Termin warten noch eine Hemmschwelle überwinden, bevor sie ihr Anliegen schildern.  

Hinzu kommt, dass sich viele im Austausch mit KI-Chatbots angenommen und nicht bewertet fühlen. Dadurch fällt es ihnen leichter, auch sensible oder schambehaftete Themen anzusprechen. Ein Interviewter bringt dieses Erleben so auf den Punkt: Statt „Was ist falsch mit dir?“ bekomme er von ChatGPT die Antwort: „Es ist okay.“ Dazu trägt auch bei, dass frühere Aussagen in späteren Antworten wieder aufgegriffen werden. Viele erleben die Antworten dadurch als persönlicher und stärker auf ihre eigene Situation bezogen.  

Viele erleben KI-Chatbots als geschützten Raum, in dem sie ihre Probleme bearbeiten können. Wichtig ist für sie vor allem: Niemand aus dem eigenen Umfeld bekommt mit, was sie schreiben. Dass die Gespräche von OpenAI und Co. gespeichert oder weiterverarbeitet werden können, ist vielen durchaus bewusst, spielt in dieser Situation für sie aber keine große Rolle.

Für manche kommt noch ein weiterer Grund hinzu: Sie möchten ihren Freundinnen und Freunden oder Eltern nicht mit stark belastenden oder immer wiederkehrenden Themen zur Last fallen. Beim KI-Chatbot müssen sie auf niemandes Gefühle Rücksicht nehmen und keine Gesprächsnormen beachten. Das erleben viele als Erleichterung.  

In diesem Zusammenhang entsteht, so schildern es einige Interviewte, auch ein Gefühl von Nähe und Geborgenheit. Sie berichten, dass sie sich dem Chatbot „nah verbunden“ fühlen oder dass es sich so anfühlt, „als wäre da jemand“ für sie da. Ein 25-Jähriger beschreibt, dass er sich durch eine Antwort „direkt geborgen gefühlt“ habe, obwohl ihm bewusst war, nicht mit einem Menschen zu schreiben. Um dieses Erleben zu beschreiben, greifen einige auf vertraute Beziehungsvorstellungen zurück: Sie sprechen etwa von einer Freundin, einem Freund, einer therapeutischen Begleitung oder einer älteren Bezugsperson. 

„Man hat immer jemanden, der zuhört.“

Studienstimme (anonymisiert)

Was Eltern über die Grenzen von KI-Chatbots wissen sollten

Es ist normal, dass junge Menschen nicht alles mit ihren Eltern teilen und manches auch nur mit sich selbst ausmachen möchten. Auch dass sie im Internet nach Informationen und Orientierung suchen, ist nichts Neues: Früher waren es Suchmaschinen und Foren, heute zunehmend KI-Chatbots. Das gehört für viele junge Menschen inzwischen selbstverständlich zu ihrem digitalen Alltag. Dennoch ist es für Eltern wichtig, die Grenzen und Risiken zu kennen:

  1. Ein KI-Chatbot ist kein Mensch, auch wenn es sich manchmal so anfühlt. 
    Viele Jugendliche erleben Chatbots als verständnisvoll und zugewandt. Dieses Gefühl entsteht jedoch durch die Art, wie das System antwortet, nicht durch echtes Mitgefühl. Ein Chatbot widerspricht selten und fordert kaum heraus. Gerade Auseinandersetzungen, unterschiedliche Sichtweisen und gemeinsame Lösungen mit anderen Menschen sind aber wichtige Erfahrungen für die soziale Entwicklung. Vor allem jüngeren Jugendlichen kann es schwer fallen, dieses Erleben einzuordnen und mit Abstand zu betrachten.
  2. Ein Chatbot sollte keine menschlichen Beziehungen ersetzen. 
    Problematisch kann es werden, wenn ein junger Mensch den Chatbot vor allem nutzt, weil er dort Nähe, Trost oder Halt findet, die ihm im Alltag fehlen. Entscheidend ist deshalb nicht, wie häufig ein Chatbot genutzt wird, sondern vor allem, wofür. Ein 14-jähriger Schüler beschreibt beispielsweise, dass er die Nähe, die er im Austausch mit ChatGPT erlebt, bei Eltern oder Freundinnen und Freunden „eigentlich nicht“ spüre. Hellhörig werden sollten Eltern, wenn sich ein Kind zunehmend aus sozialen Kontakten zurückzieht und den Chatbot bei Sorgen vor allem als Ort nutzt, an dem es Nähe und Halt sucht, die ihm sonst fehlen.
  3. KI-Chatbots können entlasten, lösen aber keine Probleme. 
    Sie können helfen, Gedanken zu sortieren oder einen ersten Schritt in einer belastenden Situation zu machen. Sie erkennen Krisen jedoch nicht zuverlässig, fragen nicht von selbst nach und können weder eine echte Beziehung noch professionelle Unterstützung ersetzen. Bei anhaltender Niedergeschlagenheit, starken Ängsten oder Essstörungen reicht ein KI-Chatbot als Unterstützung nicht aus.  
  4. Auch die Antworten und der Umgang mit Daten haben Grenzen. 
    Chatbots können falsche, einseitige oder erfundene Informationen geben, die oft sehr überzeugend wirken und nicht immer leicht als solche zu erkennen sind. Zudem ist vielen jungen Menschen nicht bewusst, was mit persönlichen und oftmals sehr intimen Angaben geschieht, die sie in Gesprächen teilen. Persönliche Angaben können je nach Anbieter gespeichert, ausgewertet oder zur Weiterentwicklung der Systeme genutzt werden. Deshalb sollten Kinder und Jugendliche keine Namen, Adressen, Fotos oder sehr private Informationen in einen Chatbot eingeben. 

„Nicht wie oft ein Kind mit einem KI-Chatbot spricht, ist entscheidend, sondern wozu. Wer dort vor allem Nähe und Halt sucht, dem fehlt sie oft woanders.“

Was kann ich als Elternteil konkret tun?

  1. Ansprechbar sein: Sie müssen kein KI-Profi sein. Entscheidend ist nicht, jede technische Entwicklung zu kennen, sondern für Ihr Kind ansprechbar zu sein. Junge Menschen brauchen Bezugspersonen, mit denen sie ihre Gedanken, Sorgen und Unsicherheiten teilen können.
  2. Auf Interesse statt Verbot setzen: Fragen Sie nach, wie Ihr Kind KI-Chatbots nutzt, lassen Sie sich zeigen, was es daran hilfreich findet, und sprechen Sie auch darüber, wo die Grenzen liegen. Gute Türöffner sind zum Beispiel: „Zeig mir mal, was er dir geantwortet hat“ oder „Was findest du gut daran, und was eher nicht?“ Solche Fragen schaffen Nähe und signalisieren: Ich interessiere mich für deine Welt.
  3. Zum Teilen mit anderen bestärken: Eltern können ihr Kind darin bestärken, Sorgen nicht allein mit einem Chatbot auszumachen. Ermutigen Sie dazu, Gedanken und Gefühle auch mit Freundinnen und Freunden, vertrauten Bezugspersonen oder Beratungsangeboten zu teilen. Auch digitale Kontakte können wertvoll sein, wenn dahinter echte Menschen stehen, die zuhören, nachfragen und mitfühlen können.
  4. Gefühlswahrnehmung stärken: Stärken Sie die Fähigkeit Ihres Kindes, eigene Gefühle wahrzunehmen und auszudrücken. So lernen junge Menschen, Unterstützung auf verschiedene Weise zu suchen und einzuordnen. Fragen Sie nicht nur danach, was ein Chatbot geantwortet hat, sondern auch:  
    •    „Wie fühlst du dich damit?“,
    •    „Hat dir das wirklich geholfen?“  
    •    oder „Mit wem könntest du darüber noch sprechen?“  

Eines haben Eltern und andere vertraute Menschen einem KI-Chatbot immer voraus: Sie können von sich aus nachfragen, Veränderungen wahrnehmen und gemeinsam mit einem Kind durch schwierige Situationen gehen. Das wichtigste Gegengewicht zu einem KI-Chatbot ist deshalb nicht Kontrolle, sondern eine verlässliche Beziehung.

Junge Menschen suchen beim KI-Chatbot vor allem einen Ort, an dem sie ihre Gedanken und Gefühle sicher ausdrücken können und das Gefühl bekommen, gehört zu werden. Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis aus unseren Interviews. Das ist keine Absage an die Familie, sondern eine Einladung an uns alle, da zu sein, zuzuhören und sie ernst zu nehmen.

Denn ein KI-Chatbot kann antworten. Wirklich gesehen werden kann ein Kind aber nur von Menschen, die es kennen, die seine Geschichte verstehen und die mit ihm durch schwierige Momente gehen. 

„Ein Chatbot widerspricht selten und fordert kaum heraus. Doch gerade Reibung mit anderen Menschen ist wichtig für die soziale Entwicklung.“

Wo gibt es professionelle Unterstützung?

Manchmal brauchen junge Menschen mehr Unterstützung, als Familie, Freundinnen und Freunde oder ein KI-Chatbot geben können. Das ist nichts Ungewöhnliches. Entscheidend ist, dass sie mit ihren Sorgen nicht allein bleiben.  

  • Eine gute erste Anlaufstelle ist die Nummer gegen Kummer. Unter der 116 111 erhalten Kinder und Jugendliche anonym und kostenlos Unterstützung.
  • Wer lieber schreibt als telefoniert, findet bei Digital Streetwork Bayern kostenfreie, vertrauliche und anonyme Beratung per Chat, Messenger oder über soziale Netzwerke. Die sozialpädagogischen Fachkräfte unterstützen bei psychischen Belastungen, Konflikten in Familie oder Freundeskreis, Schulstress und vielen weiteren Themen. Bei Bedarf helfen sie auch dabei, passende Beratungs- oder Therapieangebote zu finden.
  • Bei krisenchat finden junge Menschen rund um die Uhr eine kostenlose psychosoziale Beratung per Chat. Gerade diese Form der Beratung wird von vielen jungen Menschen als niedrigschwellig erlebt.
  • Auch in der Schule gibt es Ansprechpersonen. Beratungslehrkräfte und der schulpsychologische Dienst können erste Unterstützung bieten und gemeinsam überlegen, welche nächsten Schritte sinnvoll sind.
  • Wenn Belastungen über längere Zeit bestehen oder den Alltag deutlich beeinträchtigen, ist die hausärztliche oder kinderärztliche Praxis eine gute erste Anlaufstelle. Von dort aus kann bei Bedarf eine Kinder- und Jugendpsychotherapie oder weitere fachliche Unterstützung vermittelt werden.
  • Wer die (digitale) Gesundheitskompetenz der ganzen Familie stärken möchte, findet bei BARMER viele verständliche Informationen und praktische Anregungen für den Familienalltag. 

Fazit

Die Nutzung von KI-Chatbots ist weder automatisch ein Warnsignal noch eine Lösung für psychische Belastungen. Sie kann jungen Menschen helfen, Gedanken zu sortieren, Gefühle in Worte zu fassen und erste Orientierung zu finden. Entscheidend ist jedoch, dass der Chatbot nicht der einzige Ort bleibt, an dem sie mit Sorgen und Unsicherheiten umgehen.

Ein guter Umgang beginnt nicht mit Kontrolle, sondern mit Interesse und Gesprächsbereitschaft. Eltern müssen KI nicht perfekt verstehen, um für ihr Kind da zu sein. Wichtig ist, aufmerksam zu bleiben, Fragen zu stellen und gemeinsam nach weiterer Unterstützung zu suchen, wenn Belastungen anhalten oder größer werden. 


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1Kaiser-Müller, Katharina (2026): Neue Studie. KI-Chatbots als Alltagsbegleiter für Jugendliche. In: medienimpulse 64 (1). Online verfügbar: https://journals.univie.ac.at/index.php/mp/article/view/10294 

2Die dargestellten Ergebnisse stammen aus einer noch unveröffentlichten Studie des JFF – Institut für Medienpädagogik. Sie erscheint im Oktober 2026 im kopaed Verlag.

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