
Medienbegleitung
Wenn KI-Chatbots zur Vertrauensperson werden
Warum junge Menschen KI-Chatbots ihre Sorgen anvertrauen, welche Chancen und Risiken darin stecken – und wie Familien gut damit umgehen können.

Medienbegleitung
Warum junge Menschen KI-Chatbots ihre Sorgen anvertrauen, welche Chancen und Risiken darin stecken – und wie Familien gut damit umgehen können.
Jonas (Name geändert) ist 14 Jahre alt. Nach einem Streit mit seinen Eltern zieht er sich in sein Zimmer zurück. Er öffnet ChatGPT, erzählt über die Sprachfunktion, was passiert ist, und fragt, was er jetzt tun soll. Die Antwort gibt ihm das Gefühl, verstanden zu werden.
Jonas’ Erfahrung steht für eine neue Form des digitalen Umgangs mit Sorgen und Belastungen: Zunehmend nutzen junge Menschen KI-Chatbots nicht nur für Schule, Freizeit oder Informationen, sondern auch dann, wenn sie sich überfordert, traurig oder allein fühlen.1
In einer Studie des JFF – Institut für Medienpädagogik haben wir junge Menschen im Alter von 14 bis 28 Jahren interviewt, die bereits eigene Erfahrungen mit der Nutzung generativer KI bei psychosozialen Belastungen gemacht haben.2 Wir wollten verstehen: Warum wenden sich junge Menschen an Chatbots? Was suchen sie in diesen Gesprächen? Und wo liegen Chancen und Grenzen?
Die Ergebnisse zeigen: KI-Chatbots können in bestimmten Situationen entlasten. Sie sind jederzeit verfügbar, hören zu und bieten einen Raum, in dem junge Menschen Gedanken und Gefühle sortieren und bearbeiten können. Gleichzeitig ersetzen sie keine menschliche Beziehung und keine professionelle Unterstützung. Entscheidend ist deshalb, wie Familien mit der Nutzung umgehen.
Dieser Artikel zeigt, worauf Eltern achten können:
Alle jungen Menschen in unserer Studie haben KI-Chatbots zuerst für ganz alltägliche Dinge genutzt: für Hausaufgaben und Referate, fürs Studium oder einfach aus Neugier. Niemand hat sich zuerst mit einem belastenden Thema an einen Chatbot gewandt. Die Bearbeitung belastender Themen entwickelt sich aus dieser etablierten Nutzung in fließenden, situativen oder impulsiven Übergängen: Eine Interviewte lässt sich beispielsweise nach ihrer Trennung zunächst dabei helfen, eine WhatsApp an ihren Ex-Freund zu formulieren. Im selben Chat fragt sie den Chatbot dann: „Wieso hat er nicht für mich gekämpft?“ und beginnt damit im Austausch mit dem Chatbot ihre Enttäuschung zu bearbeiten. Andere merken beim Entdecken der Sprachfunktion, dass sie mit ChatGPT richtig reden können. Die ersten Erfahrungen beschreiben viele als überraschend einfühlsam: Der Chatbot wirkt zugewandt und nachfragend. Und genau das motiviert dazu, sich weiter mit ihm auszutauschen.
Und worum geht es konkret? Um ganz unterschiedliche Themen.

Viele junge Menschen beschreiben, dass es ihnen bereits hilft, belastende Gedanken in Worte zu fassen. Sie sprechen davon, beim Chatten mit einem KI-Chatbot „Dampf abzulassen“ oder das eigene „Gedankenwirrwarr“ zu ordnen. Auch die ständige Verfügbarkeit spielt eine wichtige Rolle. Der Chatbot ist jederzeit erreichbar, auch nachts, oder wenn niemand aus dem nahen Umfeld ansprechbar ist. Im Unterschied zu Beratungsstellen oder einer Psychotherapie müssen junge Menschen weder auf einen Termin warten noch eine Hemmschwelle überwinden, bevor sie ihr Anliegen schildern.
Hinzu kommt, dass sich viele im Austausch mit KI-Chatbots angenommen und nicht bewertet fühlen. Dadurch fällt es ihnen leichter, auch sensible oder schambehaftete Themen anzusprechen. Ein Interviewter bringt dieses Erleben so auf den Punkt: Statt „Was ist falsch mit dir?“ bekomme er von ChatGPT die Antwort: „Es ist okay.“ Dazu trägt auch bei, dass frühere Aussagen in späteren Antworten wieder aufgegriffen werden. Viele erleben die Antworten dadurch als persönlicher und stärker auf ihre eigene Situation bezogen.
Viele erleben KI-Chatbots als geschützten Raum, in dem sie ihre Probleme bearbeiten können. Wichtig ist für sie vor allem: Niemand aus dem eigenen Umfeld bekommt mit, was sie schreiben. Dass die Gespräche von OpenAI und Co. gespeichert oder weiterverarbeitet werden können, ist vielen durchaus bewusst, spielt in dieser Situation für sie aber keine große Rolle.
Für manche kommt noch ein weiterer Grund hinzu: Sie möchten ihren Freundinnen und Freunden oder Eltern nicht mit stark belastenden oder immer wiederkehrenden Themen zur Last fallen. Beim KI-Chatbot müssen sie auf niemandes Gefühle Rücksicht nehmen und keine Gesprächsnormen beachten. Das erleben viele als Erleichterung.
In diesem Zusammenhang entsteht, so schildern es einige Interviewte, auch ein Gefühl von Nähe und Geborgenheit. Sie berichten, dass sie sich dem Chatbot „nah verbunden“ fühlen oder dass es sich so anfühlt, „als wäre da jemand“ für sie da. Ein 25-Jähriger beschreibt, dass er sich durch eine Antwort „direkt geborgen gefühlt“ habe, obwohl ihm bewusst war, nicht mit einem Menschen zu schreiben. Um dieses Erleben zu beschreiben, greifen einige auf vertraute Beziehungsvorstellungen zurück: Sie sprechen etwa von einer Freundin, einem Freund, einer therapeutischen Begleitung oder einer älteren Bezugsperson.
„Man hat immer jemanden, der zuhört.“
Studienstimme (anonymisiert)
Es ist normal, dass junge Menschen nicht alles mit ihren Eltern teilen und manches auch nur mit sich selbst ausmachen möchten. Auch dass sie im Internet nach Informationen und Orientierung suchen, ist nichts Neues: Früher waren es Suchmaschinen und Foren, heute zunehmend KI-Chatbots. Das gehört für viele junge Menschen inzwischen selbstverständlich zu ihrem digitalen Alltag. Dennoch ist es für Eltern wichtig, die Grenzen und Risiken zu kennen:
Eines haben Eltern und andere vertraute Menschen einem KI-Chatbot immer voraus: Sie können von sich aus nachfragen, Veränderungen wahrnehmen und gemeinsam mit einem Kind durch schwierige Situationen gehen. Das wichtigste Gegengewicht zu einem KI-Chatbot ist deshalb nicht Kontrolle, sondern eine verlässliche Beziehung.
Junge Menschen suchen beim KI-Chatbot vor allem einen Ort, an dem sie ihre Gedanken und Gefühle sicher ausdrücken können und das Gefühl bekommen, gehört zu werden. Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis aus unseren Interviews. Das ist keine Absage an die Familie, sondern eine Einladung an uns alle, da zu sein, zuzuhören und sie ernst zu nehmen.
Denn ein KI-Chatbot kann antworten. Wirklich gesehen werden kann ein Kind aber nur von Menschen, die es kennen, die seine Geschichte verstehen und die mit ihm durch schwierige Momente gehen.
Manchmal brauchen junge Menschen mehr Unterstützung, als Familie, Freundinnen und Freunde oder ein KI-Chatbot geben können. Das ist nichts Ungewöhnliches. Entscheidend ist, dass sie mit ihren Sorgen nicht allein bleiben.
Die Nutzung von KI-Chatbots ist weder automatisch ein Warnsignal noch eine Lösung für psychische Belastungen. Sie kann jungen Menschen helfen, Gedanken zu sortieren, Gefühle in Worte zu fassen und erste Orientierung zu finden. Entscheidend ist jedoch, dass der Chatbot nicht der einzige Ort bleibt, an dem sie mit Sorgen und Unsicherheiten umgehen.
Ein guter Umgang beginnt nicht mit Kontrolle, sondern mit Interesse und Gesprächsbereitschaft. Eltern müssen KI nicht perfekt verstehen, um für ihr Kind da zu sein. Wichtig ist, aufmerksam zu bleiben, Fragen zu stellen und gemeinsam nach weiterer Unterstützung zu suchen, wenn Belastungen anhalten oder größer werden.
1Kaiser-Müller, Katharina (2026): Neue Studie. KI-Chatbots als Alltagsbegleiter für Jugendliche. In: medienimpulse 64 (1). Online verfügbar: https://journals.univie.ac.at/index.php/mp/article/view/10294
2Die dargestellten Ergebnisse stammen aus einer noch unveröffentlichten Studie des JFF – Institut für Medienpädagogik. Sie erscheint im Oktober 2026 im kopaed Verlag.