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21 Juli, 2026

Autismus bei Mädchen

Warum er oft später erkannt wird

Autismus wird in der öffentlichen Wahrnehmung häufig mit Jungen verbunden und oft auch sehr klischeehaft dargestellt. Tatsächlich zeigen statistische Erhebungen, dass Jungen etwa drei- bis viermal häufiger eine Autismusdiagnose erhalten als Mädchen.1 Das bedeutet jedoch nicht, dass Autismus bei Mädchen selten ist. Vielmehr weisen zahlreiche Studien darauf hin, dass Autismus bei Mädchen häufiger später erkannt oder sogar übersehen wird.2a

Ein Grund dafür liegt in der Entwicklung der diagnostischen Kriterien. Viele frühe Beschreibungen von Autismus basierten überwiegend auf Beobachtungen bei Jungen. Dadurch können bestimmte Ausdrucksformen von Autismus, die bei Mädchen häufiger auftreten, in der Diagnostik weniger offensichtlich erscheinen.

Hinzu kommt, dass manche autistische Mädchen andere Strategien im Umgang mit sozialen Situationen entwickeln. In der Forschung wird in diesem Zusammenhang häufig der Begriff Masking oder Camouflaging verwendet.

Damit ist gemeint, dass Betroffene soziale Regeln bewusst beobachten und versuchen, diese nachzuahmen. Sie üben beispielsweise Blickkontakt, merken sich Gesprächsregeln oder orientieren sich stark am Verhalten anderer. Nach außen kann dies relativ unauffällig wirken. Gleichzeitig berichten viele Betroffene, dass diese Anpassungsleistungen innerlich sehr anstrengend sind. Nach sozialen Situationen benötigen sie häufig längere Zeit, um sich wieder zu erholen.

Auch im Alltag können sich autistische Merkmale bei Mädchen teilweise anders zeigen. Schwierigkeiten treten häufig eher in subtilen sozialen Situationen auf, etwa in komplexen Gruppendynamiken, in neuen sozialen Kontexten oder dann, wenn soziale Regeln nicht klar ausgesprochen werden. Spezialinteressen können ebenfalls anders wahrgenommen werden. Während diese bei Jungen oft als ungewöhnlich gelten, drehen sie sich bei Mädchen häufiger um Themen, die gesellschaftlich akzeptierter erscheinen, etwa Tiere, Bücher, Serien oder bestimmte kreative Interessen.

Wichtig ist jedoch: Autismus bei Mädchen ist nicht grundsätzlich etwas anderes als Autismus bei Jungen. Die zugrunde liegenden Kernmerkmale sind dieselben. Dazu zählen eingeschränkte, repetitive Verhaltensmuster, Interessen und sensorische Besonderheiten. Unterschiede zeigen sich eher darin, wie diese Merkmale nach außen sichtbar werden oder wie stark sie im Alltag auffallen.

Eine frühzeitige Diagnose kann dennoch eine wichtige Rolle spielen. Wenn Autismus lange unerkannt bleibt, werden häufig zunächst nur die Folgen behandelt. Viele Mädchen erhalten zunächst andere Diagnosen, etwa Angststörungen oder Depressionen. Was dabei oft fehlt, ist das Verständnis dafür, warum bestimmte Situationen besonders belastend oder anstrengend sind. Eine sorgfältige diagnostische Abklärung kann dazu beitragen, die eigenen Stärken und Herausforderungen besser einzuordnen und passende Unterstützung zu finden. Deshalb rückt Autismus bei Mädchen zunehmend stärker in den Fokus von Forschung und Praxis.
 

Was Eltern tun können

Wenn Eltern den Eindruck haben, dass ihr Kind soziale Situationen als besonders anstrengend erlebt, kann es hilfreich sein, genauer hinzuschauen und das Kind ernst zu nehmen. Dabei geht es nicht darum, das Verhalten vorschnell zu bewerten, sondern zu verstehen, was für das Kind gerade schwierig ist.

Hilfreiche Fragen für Eltern können sein:

  • Wann wirken soziale Situationen besonders anstrengend und wann nicht?
  • Geht es eher um Unklarheit („Was wird von mir erwartet?“) oder um Reizüberflutung?
  • Was hilft meinem Kind, sich zu regulieren oder zu erholen?
  • In welchen Situationen zeigt mein Kind Sicherheit, Interesse oder Freude?

Im Alltag kann es entlastend sein, soziale Anforderungen überschaubarer und vorhersehbarer zu gestalten. Dazu gehört zum Beispiel:

  • Situationen vorab erklären („Wer ist da? Was passiert ungefähr?“)
  • sofern benötigt: ausreichend Rückzugszeiten nach sozialen Kontakten
  • Interessen des Kindes aktiv aufgreifen und als Zugang zur Welt nutzen

Wichtig ist dabei: Ziel ist nicht, dass das Kind „funktioniert“, sondern dass es in seinem eigenen Tempo passende Strategien entwickeln kann, um am Leben teilzunehmen.
Wenn Unsicherheiten bestehen oder der Leidensdruck hoch ist, kann eine fachliche Abklärung helfen, das Verhalten besser einzuordnen. Nach einer Diagnose ist es häufig sinnvoll, weitere Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Etwa durch Beratung, Austausch mit anderen Eltern, spezialisierte Fachstellen oder im Rahmen von (digitalen) Selbsthilfegruppen. 


1 Vgl. Fyfe C, Winell H, Dougherty J, Gutmann D H, Kolevzon A, Marrus N et al. Time trends in the male to female ratio for autism incidence: population based, prospectively collected, birth cohort study BMJ 2026; 392 :e084164 doi:10.1136/bmj-2025-084164
2 Vgl.Minutoli R, Marraffa C, Failla C, Pioggia G and Marino F (2026) Female gender and autism: underdiagnosis and misdiagnosis – clinical and scientific urgency. Front. Psychiatry 16:1704579. doi: 10.3389/fpsyt.2025.1704579
3 Vgl. Cook J, Hull L, Crane L, Mandy W. Camouflaging in autism: A systematic review. Clin Psychol Rev. 2021 Nov;89:102080. doi: 10.1016/j.cpr.2021.102080. Epub 2021 Sep 6. PMID: 34563942.

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Lukas Maher

Lukas Maher ist Psychotherapeut für systemische Therapie mit eigener Praxis und spezialisiert auf ADHS. Er arbeitet wissenschaftlich fundiert, neurodiversitätsaffirmativ und verbindet in seiner Arbeit psychologische Expertise mit systemischen Perspektiven. Neben seiner therapeutischen Tätigkeit ist er Autor und auf Social Media aktiv, wo er über mentale Gesundheit, Neurodiversität und gesellschaftliche Zusammenhänge aufklärt.

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