Fehldiagnose „Pornosucht“
Es zeigt sich eine Tendenz, dass Menschen sich selbst als „pornosüchtig“ einstufen, aber die Diagnosekriterien gar nicht erfüllen. Oft stecken dahinter Scham, Schuldgefühle oder eine Diskrepanz zwischen der moralischen Einstellung und dem eigenen Verhalten.12 Konkret zu Jugendlichen gibt es noch keinerlei belastbare Zahlen. Und trotzdem besteht eine präsente Sorge in den Köpfen vieler junger Menschen sowie ihrer Eltern. Das liegt sicherlich auch an der enormen Medienpräsenz des Themas. Eine Befragung unter 9. Klassen in Deutschland ergab, dass über 50 % davon ausgehen, dass Pornos „süchtig machen“.13
Hier scheint es also weniger Risikoaufklärung, sondern eher Entlastung zu brauchen. Wenn bei sexualpädagogischen Angeboten anonyme Frageboxen aufgestellt werden, landet darin heute regelmäßig die Frage: „Ab wann ist man pornosüchtig?“14 Entscheidend ist dafür immer der Leidensdruck und der Kontrollverlust, nicht die pure Menge. Vor allem Teenager, die sich in einer Entwicklungsphase der verstärkten sexuellen Aktivität befinden, sind keinesfalls verhaltensauffällig, nur weil sie täglich Pornos nutzen.
Alarmsignale wären jedoch:
- wenn Jugendliche gern weniger oder keine Pornos mehr schauen würden, aber es nicht schaffen
- wenn sie ihre Freundschaften oder die Schule massiv vernachlässigen, nur um noch mehr Zeit für Pornos zu haben
- wenn sie diese bewusst als Bewältigungsstrategie, etwa bei Einsamkeit, Leistungsdruck oder negativen Gefühlen, nutzen
Bei Erwachsenen zeigt sich durchaus, dass problematische Nutzungsmuster häufig in der Jugend begonnen haben. Insofern ist nicht weit hergeholt, auf Warnsignale zu achten und diese gegebenenfalls ernst zu nehmen. Die allermeisten Jugendlichen nutzen Pornos aber, ohne dass ein Störungsbild daraus entsteht.