Zwei Hände halten behutsam eine weiße Kopfsilhouette mit buntem Gedankenwirrwarr – symbolische Darstellung von Gedankenchaos und Unterstützung bei AuDHSZwei Hände halten behutsam eine weiße Kopfsilhouette mit buntem Gedankenwirrwarr – symbolische Darstellung von Gedankenchaos und Unterstützung bei AuDHS
 
 

Medienbegleitung

05 Mai, 2026
4 Minuten

AuDHS-Mythen im Netz – was Eltern wirklich wissen sollten

Warum gerade jetzt so viel AuDHS-Content auftaucht

Für viele Eltern ist Social Media der erste Ort, an dem sie über ADHS oder Autismus stolpern. Plattformen wie TikTok bieten kurze, emotionale Inhalte mit hoher Wiedererkennbarkeit. Problematisch ist: Viele dieser Beiträge sind wissenschaftlich ungenau oder stark vereinfacht.1

Wenn sich ein Video anfühlt wie „Genauso ist mein Kind!“, ist das verständlich – manchmal sogar entlastend. Doch Wiedererkennen ersetzt keine Diagnostik. Fachgerechte Diagnostik ist weitaus komplexer. So spricht man von Neuroentwicklungsstörungen wie Autismus, wenn Merkmale seit der frühen Kindheit bestehen, über längere Zeit stabil sind und den Alltag deutlich beeinflussen.2 Bei Autismus und ADHS spielen auch erbliche Komponenten eine nicht unerhebliche Rolle, weshalb es in Familien häufig nicht bei einer Diagnose bleibt.3

Social Media kann sensibilisieren, sollte jedoch nicht das Ende der Informationssuche sein und Informationen sollten hier besonders kritisch bewertet werden. 

Hilfreiche Fragen bei Online-Inhalten sind:

  • Werden wissenschaftliche Quellen genannt?
  • Wird der Entwicklungsverlauf berücksichtigt?
  • Werden Differenzialdiagnosen erwähnt?
  • Wird klar gesagt, dass ein Video keine Diagnostik ersetzt?

Ist AuDHS eine neue Diagnose?

„AuDHS“ klingt neu. Gemeint ist damit das gemeinsame Auftreten von Autismus und ADHS. Neu ist jedoch nicht das Phänomen, sondern die offizielle Möglichkeit der Doppeldiagnose:4 seit 2013 (DSM-5) kann sie über einen amerikanischen Diagnosekatalog formal diagnostiziert werden. Für Diagnosen im deutschen Gesundheitswesen wurde der Katalog mit der ICD-11 nun auch aktualisiert.5

Dass heute häufiger über AuDHS gesprochen wird, bedeutet daher nicht automatisch, dass es mehr Fälle gibt. Vielmehr haben sich diagnostische Kriterien und das Verständnis weiterentwickelt. Besonders bei Mädchen und bei Menschen, die erst im Erwachsenenalter diagnostiziert werden.

Warum Geschlechterunterschiede wichtig sind

Jungen werden bei ADHS und Autismus deutlich häufiger und früher diagnostiziert. Lange wurde daraus geschlossen, dass Mädchen seltener betroffen seien. Neuere Forschung legt jedoch nahe, dass ein Teil dieses Unterschieds auf Präsentationsformen und stereotype Erwartungen zurückgeht.6

Das Bild vom „Zappel-Philipp“ oder vom sozial distanzierten Technik-Nerd prägt unsere Wahrnehmung. Weniger sichtbar sind Mädchen, die verträumt wirken, viel innere Unruhe erleben oder nach sozialen Treffen stark erschöpft sind.

Autistische Mädchen zeigen im Durchschnitt häufiger kompensatorische Strategien. Sie wirken nach außen hin angepasst und unterdrücken ihre Belastungen eher. Man nennt das internalisieren. Dadurch fallen sie seltener durch störendes Verhalten auf, wodurch sie insbesondere bei Doppeldiagnosen übersehen werden können. Doch entscheidend ist nicht nur das Verhalten, das man von außen beobachten kann, sondern auch, wie hoch die innere Belastung des Kindes ist.

Warum die Zahlen so unterschiedlich ausfallen

ADHS-Symptome treten bei autistischen Kindern deutlich häufiger auf als in der Allgemeinbevölkerung. Gleichzeitig überschneiden sich viele Merkmale beider Profile. Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit, Organisation oder Reizverarbeitung können unterschiedliche Ursachen haben. Was nach ADHS aussieht, kann im Rahmen von Autismus auftreten und umgekehrt.

Wichtig ist: Es gibt kein einheitliches AuDHS-Profil. Beide Diagnosen sind Spektren mit sehr unterschiedlichen Ausprägungen. Nicht jedes Kind mit ADHS ist reizoffen. Manche suchen aktiv starke Reize oder reagieren weniger empfindlich auf Außenreize.7 Auch bei Autismus sind vor allem sensorische Besonderheiten unterschiedlich ausgeprägt. Von Über- bis Unterempfindlichkeit ergibt sich ein sehr breites Spektrum, das man nicht verallgemeinern kann. Soziale Situationen sind ebenfalls komplex: Manche autistische Kinder haben ein hohes Interesse an Beziehungen, erleben jedoch häufig Missverständnisse und Erschöpfung durch ständiges Anpassen.

Wenn ADHS und Autismus zusammenkommen, entsteht kein neuer „dritter Typ“, sondern eine individuelle Kombination. Die Suche nach neuen Reizen und Situationen (Sensation Seeking) kann gleichzeitig neben einer schnellen sozialen Überforderung bestehen. Das Bedürfnis nach Neuem kann zeitgleich mit dem Wunsch nach Routinen auftreten. Das macht eine sorgfältige diagnostische Abklärung (Differentialdiagnostik) so wichtig. Denn ein zu hoher oder zu niedriger Wert auf einem Fragebogen macht noch keine Diagnose aus. Genauso entscheidend sind

  • die Entwicklung des Kindes,
  • die Situationen, in denen die Probleme auftreten,
  • die Dauer
  • und die Beeinträchtigungen, die das Kind hat. 

Auf Geburtstage gehen zu können, schließt Autismus genauso wenig aus wie aufmerksam im Unterricht zu sitzen. Wenn Erschöpfung nach sozialen Situationen groß ist oder schulische Schwierigkeiten trotz Anstrengung bestehen bleiben, kann das auf hohe innere Belastung hinweisen. Diagnostik heißt hier, nicht nur schablonenartig nach Problemen zu suchen, sondern das Kind in seiner Gänze mit seinen Belastungen zu verstehen.

Warum eine saubere Abklärung wichtig ist

Nicht jedes Organisationsproblem muss eine ADHS bedeuten. Nicht jede soziale Unsicherheit Autismus. Angststörungen, Depressionen, Schlafprobleme oder belastende Lebensereignisse können ähnliche Symptome verursachen, machen aber ganz andere Behandlungen notwendig. 

Eine fundierte Abklärung schafft hier sowohl die Grundlage für die richtige Behandlung als auch Klarheit. Und Klarheit entlastet. Sie ermöglicht gezielte Unterstützung, angepasste schulische Maßnahmen und hilft Familien zu verstehen: ADHS und Autismus haben eine starke erbliche Komponente. Sie sind kein Erziehungsfehler, auch wenn man das Eltern jahrelang suggeriert hat. Social Media kann dafür sensibilisieren und erste Starthilfe leisten. Diagnostik kann klären, was vermutet wird. Und Klarheit entlastet langfristig. 

Oder um es mit den Worten einer Patientin auszudrücken: „Ein Päckchen weiß nur mit einem Stempel, wo es hingehört.“ 

„AuDHS“ ist weder Trend noch Modebegriff. Es beschreibt das mögliche Zusammenspiel zweier neurobiologischer Profile. Was Eltern brauchen, sind weniger Schnelltests im Netz, sondern gute Anlaufstellen, differenzierte Einordnung und den Mut, ihre Sorgen ernst zu nehmen.

Seriöse Informationen

  • ADHS Deutschland e. V. – Informationen für Betroffene und Eltern, regionale Selbsthilfegruppen
  • Autismus verstehen e. V. – Beratung, Materialien und regionale Ansprechpartner
  • AWMF – Medizinische Leitlinien zu ADHS und Autismus
  • World Health Organization – ICD-11 Klassifikation neurodevelopmentaler Störungen

Wenn Sie eine Abklärung erwägen

  • Kinder- und Jugendpsychiatrische Praxen
  • Sozialpädiatrische Zentren (SPZ)
  • Autismus-Therapiezentren
  • Beratungsstellen der Krankenkassen

Vertiefendes zum Thema:

https://www.barmer.de/gesundheit-verstehen/psyche/psychische-gesundheit/neurodiversitaet-1300456 

https://www.barmer.de/gesundheit-verstehen/psyche/psychische-gesundheit/adhs-epaper 


1 Karasavva, V., Miller, C., Groves, N., Montiel, A., Canu, W., & Mikami, A. (2025). A double-edged hashtag: Evaluation of #ADHD-related TikTok content and its associations with perceptions of ADHD. PloS one, 20(3), e0319335. doi.org/10.1371/journal.pone.0319335
2 American Psychiatric Association. (2022). Diagnostic and statistical manual of mental disorders (5th ed., text rev.; DSM-5-TR). American Psychiatric Publishing.
3 American Psychiatric Association. (2022) Diagnostic and statistical manual of disorders (5th ed., text rev.; DSM-5-TR). American Psychiatric Publishing.
4 American Psychiatric Association. (2013). Diagnostic and statistical manual of mental disorders (5th ed.). American Psychiatric Publishing
5 World Health Organization. (2019). International statistical classification of diseases and related health problems (11th ed.). https://icd.who.int/
6 Cruz, S., Zubizarreta, S. C., Costa, A. D., Araújo, R., Martinho, J., Tubío-Fungueiriño, M., Sampaio, A., Cruz, R., Carracedo, A., & Fernández-Prieto, M. (2025). Is There a Bias Towards Males in the Diagnosis of Autism? A Systematic Review and Meta-Analysis. Neuropsychology review, 35(1), 153–176.  https://doi.org/10.1007/s11065-023-09630-2 
7 Lurek, L., Duchier, A., Gauld, C., Hénault, L., Giroudon, C., Fourneret, P., Cortese, S., & Nourredine, M. (2025). Sensory Processing in Individuals With Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder Compared With Control Populations: A Systematic Review and Meta-Analysis. Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry, 64(10), 1132–1147. doi.org/10.1016/j.jaac.2025.02.019
 

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Lukas Maher

Lukas Maher ist Psychotherapeut für systemische Therapie mit eigener Praxis und spezialisiert auf ADHS. Er arbeitet wissenschaftlich fundiert, neurodiversitätsaffirmativ und verbindet in seiner Arbeit psychologische Expertise mit systemischen Perspektiven. Neben seiner therapeutischen Tätigkeit ist er Autor und auf Social Media aktiv, wo er über mentale Gesundheit, Neurodiversität und gesellschaftliche Zusammenhänge aufklärt.

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