Zwei Erwachsene sprechen mit einem Mädchen auf dem Sofa und erklären ihr anhand eines Kondoms das Thema VerhütungZwei Erwachsene sprechen mit einem Mädchen auf dem Sofa und erklären ihr anhand eines Kondoms das Thema Verhütung
 
 

Medienbegleitung

28 Apr., 2026
4 Minuten

Sexuelle Aufklärung in Zeiten von TikTok

– Fluch oder Segen?

Vor kaum fünfzig Jahren blieb Jugendlichen bei Fragen rund um Sex nicht viel anderes übrig als verstohlen Bravo-Hefte zu tauschen, heimlich Arztbroschüren zu studieren oder halbwahren Gerüchten aus der Peergroup zu glauben – heute reichen ein paar Klicks und Teenagern liegt die große weite Welt der (Des-)Information zu Füßen.  

Die Digitalisierung hat den Erwerb von sexuellem Wissen grundlegend und rasant verändert. Anfang der 2000er gaben nur etwa 6 % der Jugendlichen an, sich online zu Themen der Sexualität zu informieren. Gut zwanzig Jahre später liegt dieser Anteil bei über 60 %.1 Und das bei immer mehr Quellen – von Suchmaschinen und Wikipedia über YouTube und Social Media bis hin zu ChatGPT. Ist das Fortschritt oder Grund zur Sorge? Welche Inhalte begegnen ihnen online? Haben klassische Aufklärungsformate damit ausgedient?  Und welche Rolle spielen Eltern in alldem heute überhaupt noch? 

Sexuelle Bildung online

Jugendliche verbringen gerne und viel Zeit online. Das Smartphone begleitet sie in allen Lebenslagen. Natürlich auch in Sachen Sexualität. Denn die wird in dieser Entwicklungsphase immer wichtiger und spannender. Viele Jugendliche beginnen ihre Suche nach sexuellen Informationen ganz klassisch über Suchmaschinen: Eine Google-Anfrage bringt sie häufig zu Wikipedia-Artikeln, Gesundheitsportalen, speziellen Aufklärungs- und Beratungsseiten wie Loveline.de oder liebesleben.de, die in den Trefferlisten weit oben erscheinen. Hier haben die Informationen meist eine hohe Qualität und sind zum Teil auch für genau diese junge Zielgruppe aufbereitet. 

YouTube ist unter den 12- bis 17-Jährigen eine der absoluten Lieblingsplattformen2, auf der natürlich auch zu sexuellen Themen erklärende Videos geschaut werden. Die inhaltliche Qualität hat dabei eine enorme Spannbreite. Das gilt auch für Social-Media-Plattformen wie Instagram oder TikTok, auf denen Jugendliche Aufklärungsaccounts wie @jungsfragen oder Influencerinnen wie @saskimichalski oder @gazelleishername folgen. 

In den letzten Jahren gewinnen außerdem KI-basierte Systeme eine immer größere Rolle.3 ChatGPT wurde in Studien eine recht hohe Informationsqualität zu Sexualitätsthemen nachgewiesen.4 Einige Jugendliche beschreiben ChatGPT inzwischen als eine Art vertraute Freundin, der sie ungefiltert Fragen zu allem, auch Sex, anvertrauen können.5

Ein schamfreier Raum

Gegenüber Gesprächen mit Vertrauenspersonen bietet das Internet grundsätzlich den riesigen Vorteil

  • dass Jugendliche dort im Schutze der Anonymität schambesetzte Themen offen besprechen,
  • jede noch so heikle Frage ehrlich stellen
  • und auch zu vermeintlich nischigen Themen problemlos Antworten finden können. 

Im Gegensatz zum eigenen Umfeld schläft das Internet nie, stellt keine unangenehmen Fragen, macht keine Vorwürfe und verrät keine Geheimnisse. Letzteres ist vor allem für queere Jugendliche von Bedeutung. Sie beziehen ihre Informationen zu Sexualität deutlich häufiger über digitale Quellen als heterosexuelle Gleichaltrige.6 

Nachgefragte Themen

Jugendliche beschäftigt neben konkreten Sex-Praxis-Tipps vor allem, ob ihre körperliche Entwicklung und ihre sexuellen Wünsche „normal“ sind. Dazu können sie in Online-Foren leichter Informationen und Erfahrungen austauschen als in der analogen Peergroup, die nicht selten von Prahlereien oder dem Performen von Geschlechterrollen bestimmt ist. Auch bei akuten Verhütungspannen oder Angst vor Ansteckung mit einer sexuell übertragbaren Infektion befragen Jugendliche oft erst mal das Internet.7

Neue Wortwelten durch Online-Zensur

Wer Accounts wie von @marieejoan eine Weile zuhört, wird schnell bemerken, dass es online ein eigenes Vokabular rund um Sex gibt. Den nennt die Influencerin, und etliche ihrer über eine Millionen Follower mit ihr, nämlich „Rambazamba“. Und zu ihrer Vulva sagt sie „Vivi“.  

Außerdem kursieren irritierende Schreibweisen wie „Seggs“ oder „Smex“. Und auch Emojis kommen gerne zum Einsatz. Der Pfirsich steht für den Po. Die Aubergine für den Penis. Der Maiskolben für Pornos (– das englische „corn“ klingt wie „porn“). Diese etwas befremdlich wirkende Geheimsprache ist durch die strenge Zensur auf Social-Media-Plattformen entstanden, wo Inhalte zu sexueller Bildung nicht gerne gesehen sind und regelmäßig gelöscht werden. „Algospeak“ nennt sich diese Strategie, um dem Lösch-Algorithmus zu entkommen.8 Viele Jugendliche beherrschen sie.

Wo liegt das Problem?

Klingt doch super, dass Teenagern nun in der Hochphase ihrer sexuellen Entwicklung und Neugier immer verfügbare, gut informiere Peers zur Verfügung stehen. Oder? Grundsätzlich ja. Gerade bei schambesetzten Themen können Jugendliche eher Antworten finden. Aber die Fülle an Informationen kann auch überfordern. Genau wie die Inhalte. Sofern keine entsprechenden Filtersysteme oder Jugendschutzprogramme installiert sind9, landen Kinder und Jugendliche über Online-Suchen auch potenziell auf Pornoseiten. 

Wer einfach mal „Blowjob“ googelt, wird sehen, wie schnell das zu expliziten Inhalten führt, die eher keinen Bildungsauftrag verfolgen. Hier wird trotzdem durchaus neugierig draufgeklickt. Über 15% benennen Pornos als Hauptquelle ihrer sexuellen Bildung.10 Gerade für Jungen spielen sie eine wichtige Rolle beim Wissenserwerb.11 Dafür sind sie aber eigentlich nicht gemacht und in vielerlei Hinsicht ungeeignet. Abgesehen davon variiert die Qualität von Inhalten stark. Und es besteht immer die Gefahr, dass Jugendliche an unvollständiges Laienwissen, verwirrende Einzelfälle, Desinformation oder auch ideologisch aufgeladene Inhalte geraten. Man denke nur an „Alpha-Männer“ wie Andrew Tate, die im Internet ihre absurden Ideen von Geschlechterrollen verbreiten oder sexualisierte Gewalt herunterspielen.12 Wie beim Wissenserwerb zu anderen Themen braucht es auch hier vor allem Medienkompetenz, um schädliche Botschaften zu identifizieren und auszusortieren.

Was können Eltern tun?

Erwachsene Bezugspersonen können Orientierung in der digitalen Informationsflut schenken und vor allem eine sichere Anlaufstelle für Fragen rund um Sexualität sein. Eltern können dazu konkret: 

  • Medienkompetenz vermitteln und ihre Kinder allgemein für Desinformation online sensibilisieren.
  • Interesse für die digitale Lebenswelt ihrer Kinder zeigen, um zu erfahren, welchen Stimmen sie online zuhören.
  • Sich über technische Jugendschutz-Maßnahmen informieren, um die Geräte der Kinder möglichst sicher einzustellen.
  • Fragen rund um Körper, Sex und Beziehung zulassen, bestärken und altersgerecht beantworten.
  • Hochwertige und zielgruppengerechte Online-Informationsquellen empfehlen, z.B. @queerlexikon, profamilia.sextra.de oder die KnowBody-App13.
  • Alternative Informationsquellen zur Verfügung stellen wie Bücher14, Broschüren oder Flyer, die auch dezent auf dem Küchentisch oder im Kinderzimmer platziert werden können.
  • Bei einem Elternabend das Thema sexuelle Bildung anspreche15und Lehrkräfte ermutigen, sich an den Bedarfen der Jugendlichen zu orientieren16.

Sie bleiben wichtig!

Trotz dieser Entwicklungen der digitalen Informationsbeschaffung haben weder Printprodukte ausgedient noch erwachsene Ansprechpersonen. Bei einer Umfrage anlässlich der Serie Sex Education rangierten Eltern als Quelle für sexuelles Wissen noch immer deutlich vor Online-Medien.17 Demnach scheint das Vertrauensverhältnis für viele Jugendliche noch immer schwerwiegender als die etlichen Vorzüge des Internets. Unter den 12- bis 19-Jährigen nennen bis zu 45 % den Vater und sogar bis zu 70 % die Mutter als die wichtigste Person der sexuellen Bildung.18 Eine schöne Motivation, diese Rolle sinnvoll auszufüllen. 

Offene Gespräche, ehrliches Zuhören und echtes Interesse schaffen einen sicheren Raum, in dem Fragen gestellt werden und Informationen kritisch eingeordnet werden können. Damit bleiben Eltern auch im digitalen Zeitalter zentrale und vertrauensvolle Begleitpersonen sowie ein unverzichtbarer Werte-Kompass in der sexuellen Entwicklung ihrer Kinder.


1 Scharmanski S & Hessling A (2021): Jugendsexualität 9. Welle. BZgA.
2 JIM-Studie 2025: https://mpfs.de/studie/jim-studie-2025/ 
3 JIM-Studie 2025: https://mpfs.de/studie/jim-studie-2025/ 
4 Döring N et al. (2025): The Impact of Artificial Intelligence on Human Sexuality
5 Ebd.
6 Scharmanski S & Hessling A (2021): Jugendsexualität 9. Welle. BZgA.
7 Döring N (2016): Jugendsexualität heute: Zwischen Offline- und Online-Welten
8 Hier schön erklärt: https://www.spiegel.de/netzwelt/web/algospeak-und-auberginen-das-internet-hat-ein-problem-mit-sex-a-41a4294c-000a-4ada-b689-1198c33bb7a5 
9 Siehe dazu: https://www.klicksafe.de/jugendschutzprogramme   
10 Netflix X FAQYOU (2023): Umfrage zur finalen Staffel Sex Education
11 Weller K et al. (2021): PARTNER 5 – Jugendsexualität 2021
12 Ich empfehle dazu die ARD Doku „Shut Up, Bitch! Willkommen in der Mannosphäre“: https://www.ardmediathek.de/video/story/shut-up-bitch-der-kampf-um-maennlichkeit/swr/Y3JpZDovL3N3ci5kZS9hZXgvbzIyNjIyMjU  
13 https://knowbody.app/ 
14 Ich empfehle ab 14: https://www.zuckersuessverlag.de/products/mehr-als-verkehr?srsltid=AfmBOooK2Pik13M9UUSljp05vd4Z94ubX1H_u0Wsa2G7rCwxfN-GSx-V 
15 Hier finden Lehrkräfte eine umfassende kostenlose Handreichung für sexuelle Bildung: https://psychosozial-verlag.de/programm/1000/7638-detail  sowie unterstützende Materialien, um diese im Unterricht zu integrieren: https://www.klett.de/produkt/isbn/ECF50999MLA99 
16 Damit Eltern sich selbst mit diesen Themen sicherer fühlen können, empfiehlt sich die Lektüre von Ratgeberliteratur wie Aufgeklärt statt aufgeregt oder Was kribbelt da so schön (beides von Madita Oeming).
17 Netflix X FAQYOU (2023): Umfrage zur finalen Staffel Sex Education
18 BZGA Studie zu Jugendsexualität: https://www.bioeg.de/fileadmin/user_upload/PDF/pressemitteilungen/daten_und_fakten/Infoblatt_Jugendsexualitaet_Neunte_Welle_barrierefrei.pdf 

Weitere Beiträge

Madita Oeming

Madita Oeming ist Kulturwissenschaftlerin, Autorin, ausgebildete Sexualpädagogin und anerkannte Expertin für Mediensexualität. Sie bildet deutschlandweit Fach- und Lehrkräfte zu jugendlicher Mediennutzung fort und ist eine gefragte Speakerin rund um Jugendmedienschutz und digitale Gewaltprävention. An der Uni Gießen koordiniert sie derzeit ein Projekt zu Pornokompetenzen. In ihrem Elternratgeber „Aufgeklärt statt aufgeregt“ (Rowohlt) und auf dem Instagram-Kanal @wissenstattscham vermittelt sie sexuelle Medienkompeten.

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