



Medienbegleitung
„Bei diesen Symptomen empfehle ich einen kalten Milchwickel. Eine aktuelle Studie aus Zürich zeigt, dass die Milchsäurebakterien den Juckreiz in 85 % der Fälle innerhalb von zwei Stunden lindern. Das sollte auch bei dir funktionieren.“
Klingt überzeugend, oder? Fachlich fundiert, präzise und wissenschaftlich untermauert. Doch dieser Rat hat einen Haken: Die Zahl und die Studie sind frei erfunden. Die Antwort stammt nicht von medizinischem Fachpersonal, sondern wurde in Sekunden von einer KI erzeugt, ein System, das darauf trainiert wurde, überzeugende, flüssige Antworten zu formulieren.1
Dass wir (und vor allem unsere Kinder) auf solche Sätze hereinfallen, ist menschlich. Moderne KI-Sprachmodelle liefern Texte, die sich kaum noch von menschlichen Texten unterscheiden. Diese sprachliche Glättung führt dazu, dass die Angaben weitaus kompetenter wirken, als sie faktisch sind.2 Wir verwechseln rhetorische Eleganz oft mit echtem Wissen.
Die Folgen sehen wir in der aktuellen JIM-Studie 2025: Über die Hälfte aller Schülerinnen und Schüler hält die Informationen der KI für vertrauenswürdig.3 Gerade bei Gesundheitsfragen ist das riskant.
Um unsere Kinder sicher zu begleiten, hilft es uns, wenn wir die typischen „Stolpersteine“ der KI kennen:1,2,4
Warum passieren diese Fehler überhaupt? ChatGPT und ähnliche Systeme sind keine Wissenslexika, sondern sogenannte Sprachmodelle. Wir können sie uns wie ein extrem fortgeschrittenes „Autofill“ vorstellen.1,5
Die KI sucht nicht im Internet nach der richtigen Quelle. Stattdessen berechnet sie auf Basis von Milliarden Texten statistisch, welcher Begriff am wahrscheinlichsten als nächster folgt.
Das hat eine klare Konsequenz: Die KI optimiert auf Plausibilität und Verständlichkeit, nicht automatisch auf Wahrheit. Sie beherrscht das „Rollenspiel“ eines Experten perfekt, ohne die medizinischen Hintergründe wirklich zu verstehen. Sie kann sehr souverän formulieren und trotzdem völlig falsch liegen.
Warum empfiehlt die KI bei einer Hautreizung ausgerechnet Milchwickel und erfindet dazu noch eine Studie aus Zürich?
Wir müssen die KI nicht aus dem Alltag verbannen. Viel wertvoller ist es, wenn wir Schülerinnen und Schülern beibringen, sie wie einen „Recherche-Assistenten“ zu steuern, dem man niemals blind vertraut.
1.Schritt: Richtig Fragen (Das Prompting)
Gute Antworten beginnen bei guten Anweisungen. Wir können gemeinsam mit unseren Kindern ausprobieren, wie sich die Ergebnisse verändern, wenn wir den Kontext schärfen:
2. Schritt: Die Antwort kritisch prüfen
Lassen wir uns nicht von der flüssigen Sprache blenden. Ein kleiner Trick hilft oft, die Fassade zu durchbrechen:
3. Schritt: Die Goldene Regel (Der externe Check)
Die KI ist ein wunderbarer Startpunkt für eine Struktur oder eine erste Idee, aber niemals die letzte Instanz. Jede Information sollte über eine unabhängige, verlässliche Quelle verifiziert werden.
Souveränität im KI-Zeitalter bedeutet nicht, die schnellste Antwort zu finden, sondern die klügste Rückfrage zu stellen und gesund skeptisch zu bleiben. So begleiten wir unsere Kinder dabei, die KI vom vermeintlichen „Wahrheits-Automaten“ zum nützlichen Assistenten zu machen, der die Recherche erleichtert, aber das Denken niemals ersetzt.
1 Vgl. Rohrmeier, S. (2025). Faktencheck mit KI? Prüfen Sie die Antwort! BR24 Netzwelt. Verfügbar unter: www.br.de/nachrichten/netzwelt/faktencheck-mit-ki-pruefen-sie-die-antwort,UpgkXye
2 Vgl. Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI). (2024). Texte & Co. mit Künstlicher Intelligenz erstellen - Generative KI und ihre Risiken. Verfügbar unter: www.bsi.bund.de/DE/Themen/Verbraucherinnen-und-Verbraucher/Informationen-und-Empfehlungen/Technologien_sicher_gestalten/Kuenstliche-Intelligenz/KI-Texterstellung/ki-texterstellung_node.html
3 Vgl. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (Hrsg.). (2025). JIM-Studie 2025: Jugend, Information, Medien. Basisuntersuchung zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger. Stuttgart: mpfs. Abgerufen von www.mpfs.de.
4 Vgl. Rentsch, S. (2023). „Computer sagt nein“ – Gesellschaftliche Teilhabe und strukturelle Diskriminierung im Zeitalter Künstlicher Intelligenz. In: A. Wagener & C. Stark (Hrsg.), Die Digitalisierung des Politischen, S. 23-44.
5 Vgl. Bayerischer Rundfunk & Südwestrundfunk. „Wie funktioniert KI eigentlich?“ In Der KI-Podcast. Folge vom 28.05.2024. Verfügbar unter: www.br.de/mediathek/podcast/der-ki-podcast/wie-funktioniert-ki-eigentlich/2093877